Weißrusslands
Regierungschef hat den Chef des Kali-Weltmarktführers Uralkali in eine
Falle gelockt - jetzt sitzt der russische Top-Manager in einer Zelle des
Geheimdienstes KGB. Der Grund ist ein Preiskampf, den der Uralkali-Chef
angezettelt hat.
AP/ dpa
Uralkali-Chef Baumgertner im Dezember 2012: In der weißrussischen Falle
Der Weißrusse Michail Mjasnikowitsch, ein 63-Jähriger mit
schlohweißem Haar, hat schon viele Posten gehabt. Er war Minister für
kommunalen Wohnungsbau und Präsident der weißrussischen Akademie der
Wissenschaften. Drei Jahre dient er Präsident
Alexander Lukaschenko
nun schon als Ministerpräsident und als gelegentlicher Blitzableiter
für Fehlleistungen der Regierung. Als Lockvogel hat Mjasnikowitsch in
all den Jahren nicht fungieren müssen, aber irgendwann ist ja immer das
erste Mal.
Mjasnikowitsch war beteiligt, als weißrussische Behörden dem russischen
Top-Manager Wladislaw Baumgertner in Minsk eine Falle stellten.
Baumgertner ist Chef von Uralkali, dem weltweit größten Hersteller von
Mineraldünger.
Der Regierungschef hatte Baumgertner nach Minsk geladen. Das Gespräch
war nach Angaben der Moskauer Tageszeitung "Kommersant" "weit davon
entfernt, konstruktiv zu sein". Mjasnikowitsch machte dem Russen
Vorhaltungen, sein Unternehmen ruiniere den Staatenbund zwischen
Russland und
Weißrussland.
Viel spricht dafür, dass das Treffen lediglich ein Vorwand war. Als
es zu Ende war, nahmen Sicherheitskräfte den Manager am Flughafen Minsk
zur Seite. Erst durchsuchten sie ihn nach Drogen, dann nahmen sie ihn in
Haft. Seitdem sitzt Baumgertner in einer Zelle des weißrussischen
Geheimdienstes KGB. Lukaschenkos Staatsfernsehen strahlte zur besten
Sendezeit Aufnahmen von Baumgertner in Haft aus, ganz so, als sei
Weißrusslands Staatssicherheit ein gefährlicher Spion ins Netz gegangen.
Aggressiverer Preiskrieg
Die Verhaftung ist der bisherige Höhepunkt einer Wirtschaftsfehde,
die seit Wochen die Weltmärkte in Atem hält. Uralkali und der
weißrussische Staatskonzern Belaruskali hatten lange Jahre Seite an
Seite agiert. Seit 2005 bildeten die Unternehmen ein Kali-Kartell,
verkauften ihre Produktion über eine gemeinsame Tochterfirma und setzten
so höhere Preise durch. Auf beide Konzerne zusammen entfielen 2012 rund
42 Prozent der weltweiten Produktion von Mineraldünger. Das
Kali-Geschäft ist einer der wichtigsten Devisenbringer für das chronisch
klamme
Weißrussland.
Vor einem Monat aber hatte Baumgertner überraschend einen Preiskrieg
ausgerufen. Der Russe kündigte an, Uralkali werde seine Fördermenge
dramatisch erhöhen. Für die Branche kommt das einer kleinen Revolution
gleich: Das Kali-Geschäft wird weltweit dominiert von wenigen großen
Konzernen, die bislang dazu neigten, sich gegenseitig nicht allzu
scharfe Konkurrenz zu machen.
Als Baumgertner die Bombe platzen ließ, sorgte sie auch in
Deutschland für Schäden. Innerhalb weniger Tage brach der Kurs des
deutschen K+S-Konzerns um 40 Prozent ein.
Weltweit verloren Kali-Produzenten 20 Milliarden Dollar Börsenwert.
Der Schwenk auf einen aggressiveren Kurs bei Uralkali ist eng
verbunden mit dem Namen Suleiman Kerimow. Der Milliardär, dessen
Vermögen Forbes zuletzt auf rund sieben Milliarden Euro taxierte, hat
den Konzern 2010 gekauft. Kerimow ist weder dafür bekannt, geduldig,
noch besonders zimperlich zu sein. Einer breiteren Öffentlichkeit war er
als Sponsor des russischen Fußballclubs Anschi Machatschkala ein
Begriff. Seit 2011 lockte er Stars wie Samuel Eto'o in den Nordkaukasus.
K+S Deutschland reagiert gelassen
Warum Uralkali den Preiskrieg angezettelt hat, ist nicht ganz klar.
Analysten vermuten, entweder solle ein Konkurrent sturmreif geschossen
werden, damit die Russen ihn übernehmen können. Womöglich dienen die
Kampfpreise aber auch dazu, Neulinge von einem Einstieg in das lukrative
Kali-Geschäft abzuschrecken. Der australisch-britische Rohstoffkonzern
BHP Billiton will in Kanada neue Lagerstätten erschließen, die Chinesen
in Laos. Experten schätzen, das Fördervolumen könnte bis 2015 im
Vergleich zu 2010 um 40 Prozent steigen.
K+S in Deutschland demonstriert Gelassenheit. Man schwitze nicht gleich
bei jedem Sturm, sagte Vorstandschef Norbert Steiner zur "FAZ". Die
Weißrussen aber reagieren mit deutlich erhöhtem Puls. Russland habe den
Krieg erklärt, schreibt die Regierungszeitung "Sowetskij Belarus".
Uralkali betreibe "zerstörerisches Dumping".
"Ein einziger Mann trifft Entscheidungen in Bezug auf Belaruskali"
Minsk fürchtet nicht nur um die Gewinne von Belaruskali, mit denen
die Regierung seit Jahren Haushaltslöcher stopft. Lukaschenko sucht auch
seit Jahren nach einem ausländischen Käufer für den Konzern. Bislang
hat Minsk bei den Verhandlungen mit potentiellen Investoren aus Russland
oder Singapur stets Phantasiesummen aufgerufen. 2012 forderte
Lukaschenko gar 32 Milliarden Dollar. Wenn Uralkali aber die
Produktionsmenge erhöht, drückt das den Wert von Belaruskali.
Baumgertner habe Weißrussland Schaden in Höhe von rund hundert Millionen Dollar zugefügt,
heißt es in der Anklage. Wird er verurteilt, drohen dem Manager drei
bis zehn Jahre Haft. Dass die Staatsanwälte ohne den Segen von
Weißrusslands Präsident agieren, gilt als ausgeschlossen. "In
Weißrussland trifft ein einziger Mann alle Entscheidungen in Bezug auf
Belaruskali, und das ist Lukaschenko", sagt ein Ex-Chef von Uralkali,
Anatolij Lebedew. Die Moskauer Wirtschaftszeitung "Wedomosti"
kommentiert treffend, Lukaschenko habe Baumgertner als "Geisel genommen
im Kali-Krieg".
Von
Benjamin Bidder, Moskau
Kilde: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/konkurrent-von-k-s-uralkali-chef-baumgertner-in-haft-a-919016.html